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Rezensionen Uwe Timm: Verlorene Kindheit - Errungene Freiheit 2007, Oppo Verlag Berlin, 208 S. 288 S. - ISBN: 978-3-926880-17-8. Preis: 19,00 € [Leseprobe] Der Humanist, Pazifist und Anti-Etatist Uwe Timm hat seine Lebenserinnerungen veröffentlicht. Man könnte sie unter das Motto setzen: Die Entwicklung eines "Normalbürgers" zum Anhänger und Mitgestalter der libertären Bewegung. Auf Uwe Timm bezogen müssten die zu diesem Motto passenden Fragen lauten: - Wie findet man sich selbst? - Und: Wie findet man die Form seiner eigenen Gesellschaftlichkeit? - Es gibt offensichtlich die unterschiedlichsten Wege. Uwe Timms Weg ist ungewöhnlich. Er stellt dennoch "ein Stück Zeitgeschichte" dar, wie Ulrich Klemm in seinem Vorwort zur Timm-Biografie bemerkt. Timms Entwicklung nahm ihren Anfang wie bei so vielen seiner Generation: als Pimpf im braunen Hemd unter dem Naziregime. Dieser Rolle stand er schon bald skeptisch gegenüber. Durch die Einflüsse der politisch nicht eingebundenen Familienangehörigen erhielt er die ersten Anstöße kritischen Denkens. Der durch seine Kriegs- und Nachkriegseindrücke geprägte Jugendliche engagierte sich bald in Vereinen, die neue Lebensentwürfe zu bieten schienen: freigeistige Jugend, Freiwirte, Genossenschaftsjugend. Bücher wurden seine große Leidenschaft. Schon als Jugendlicher las er sich durch viele Hauptwerke deutscher Literatur und der Gesellschaftstheorie. Das Alternative zog ihn an. So unterlag er zunächst der Indoktrination durch linke Weltbilder. Er unterstützte außerparlamentarische Bestrebungen. Bald stellen sich aber die ersten negativen Erfahrungen mit den Proklamatoren sozialistischen Gedankenguts ein. Sie immunisierten Timm schließlich gegen jede Art von Ideologentum. "Ideologen aller Schattierungen wurden mir unheimlich," schreibt er (S. 152). Nicht ohne Erstaunen konstatierte der Nichtstudierte das abenteuerlich niedrige Bildungsniveau vor allem linkslastiger Akademiker in gesellschaftspolitischen Fragen (S. 148). Als gelernter Techniker (Maschinenbaukonstrukteur) konnte er sich den Luxus leisten, in einer ideologisch durchwirkten Welt geistig und politisch unabhängig zu bleiben. Er widerstand jeder sich bietenden Versuchung, die ihn zu einer parteipolitisch ausgerichteten Karriere animierte. Das durch eine kriegsbedingte Familientragödie angeschlagene Selbstwertbewusstsein des jungen Mannes festigte sich aufgrund beruflicher Erfolge und der ihm nun möglich gewordenen Identifikation mit Denkweisen ganz anderer Art. Er hatte inzwischen die gesellschaftskritische Literatur der Libertären und der Individualanarchisten studiert. Hieraus erwuchs ihm der Boden für einen eigenen Standpunkt und für das Verfassen einer ganzen Reihe von Veröffentlichungen. Bald übernahm er die Treuhänderschaft des Verlags der Mackay-Gesellschaft in der Nachfolge von Kurt Zube, die er heute noch innehat. In der möglichst weiten Verbreitung libertärer Ideen sieht er die einzige Garantie für die Entwicklung einer neuen Gesellschaft, einer Gesellschaft, die sich dem Grundsatz der gleichen Freiheit aller verpflichtet fühlt. Nur eine Gesellschaft, in der die zwischenmenschlichen Beziehungen - auch die gesellschaftspolitischen - freiwillig gebildet werden können, ist eine humane Gesellschaft. Er besaß das Vertrauen der Belegschaft eines namhaften Industrieunternehmens und wurde in einer Persönlichkeitswahl zum Betriebsrat gewählt, eine Tätigkeit die er 11 Jahre ausübte, um. seinen Kolleginnen und Kollegen auch nach seinem Ausscheiden aus dem Unternehmen noch 6 Jahre als Berater zur Seite zu stehen. Uwe Timm gibt wie kaum jemand sonst ein Beispiel dafür ab, "dass ein lebendiges Herz, ein menschliches Gewissen die Ungerechtigkeit der bestehenden Ordnung nicht erträgt." (Margarete Susmann). Wer mit relativ wenig Aufwand viele Erkenntnisse über unsere derzeitige gesellschaftspolitische Situation gewinnen und daraus für sich eine vernünftige Perspektive entwickeln will, kommt um die Lektüre der Biografie von Uwe Timm nicht herum. Am Schluss des Buches findet sich ein reichhaltiges Schriftenverzeichnis des Autors. Dietrich Eckardt Paul Jordens Voltairine de Cleyre, Anarchismus (espero-Sonderheft 7) Sind Anarchisten tolerant? Auf den ersten Blick eine rhetorische Frage - ist es doch das erklärte Ziel der Individualisten, Libertären, Anarchisten aller Schattierungen, daß jedermann und jede frau nach ihrer/seiner eigenen Façon glücklich werden, sich selbst entfalten und verwerten möge ... Doch machen wir uns nichts vor: Auch viele dezidierte Verfechter einer zwang-losen Ordnung sind alles andere als frei von "Glaubensgrundsätzen", an denen sie mit Wonne messen, wer wahrhaftig begriffen habe, was wirkliche "Freiheit" sei. Und wenn dann zwischen den verschiedenen libertären "Fraktionen" "diskutiert" wird, sei es über die Taktik der Überwindung staatlicher Zwangsordnung oder über die anschließende Ausgestaltung einer "freien" Welt im Hinblick auf Selbstorganisationsformen, Eigentum, Geldwesen, Arbeit ... ja, dann fliegen die Bannflüche hin und her, der außenstehende Beobachter fühlt sich in seinen bürgerlichen Ängsten vor der Anarchie als Synonym für "Tohuwabohu" bestätigt, und die Träger und Nutznießer des Staates als lachende Dritte reiben sich die schmutzigen Hände, weil ihnen (die ihrerseits über alles Gezänk hinweg immer dann zur Solidarität finden, wenn es um die Verteidigung ihrer Macht und ihrer "heiligsten Güter" geht) von diesem "zerstrittenen Sauhaufen" nun wirklich keine Gefahr droht. Doch was ist eigentlich "Anarchismus"? Anarchismus bezeichnet eine, ja: die Form des Umganges freier und eigener Menschen miteinander, wurzelnd in der "Freiheit der Seele ebenso wie des Körpers - in jedem Streben, in jedem Wachsen." Dies ist die schlichte Definition, die die US-amerikanische libertäre Publizistin und Agitatorin Voltairine de Cleyre (1866-1912) 1901 in ihrem nun als "espero-Sonderheft" in deutscher Sprache vorliegenden Aufsatz "Anarchismus" gab - eine aus ihrer Sicht erschöpfende Definition, die die Problematik des sozial-ökonomischen Rahmens, in dem sich eine Sozialgemeinschaft unter anarchischen Bedingungen selbst organisiert, bewußt ausklammert. Voltairine de Cleyre - selbst eine Schülerin Benjamin R. Tuckers - stellt die Frage hintan, ob der individualistische oder mutualistische Anarchismus nun anarchistischer sei als der sozialistische oder kommunistische. Was sie fordert, ist vielmehr dies: die "Freiheit des Versuchens" in einer Welt, die diese Freiheit überhaupt erst einmal gewährt. Nicht: "anathema sit", wie es heute so oft in der innerlibertären theoretischen Diskussion zu vernehmen ist - sondern: "Ich glaube, dass diese und viele andere [sozial-ökonomische Modelle] an verschiedenen Orten durchaus mit Erfolg erprobt werden können; ich möchte, dass sich die Instinkte und Lebensgewohnheiten der Menschen in jeder Gemeinschaft in freier Auswahl ausdrücken können; und ich bin mir sicher, dass verschiedene Umgebungen unterschiedliche Lösungen verlangen." Zuvörderst gilt es in ebenso solidarischem wie respektvollem und tolerantem Zusammenwirken die Freiheit der Wahl und des Erprobens zu erringen, auf dass jede und jeder sich dann derjenigen Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung anschließen könne, in der er/sie selbst sich am wohlsten fühlt und am besten geltend machen kann. Die Praxis der freien Koexistenz, und nur sie, mag dann erweisen, welches unter den konkurrierenden Systemen das praktikabelste, effektivste, erfolgreichste sein wird. Mit Voltairine de Cleyres Worten ausgedrückt: "Jene, die eine der Methoden bevorzugen", sollen sich von jeder Absicht fernhalten, "sie jenen aufzuzwingen, die eine andere Methode mehr schätzen, so lange sie selbst die gleiche Toleranz geniessen. Erinnern wir uns auch, dass keines dieser Modelle Selbstzweck ist, sondern dass sie vorgeschlagen werden, weil ihre Urheber glauben, so liesse sich die Freiheit am besten gewährleisten. Jeder Anarchist würde als Anarchist sein eigenes Modell freiwillig aufgeben, wenn er sieht, dass ein anderes in dieser Hinsicht erfolgreicher ist." Binsenwahrheiten? Mag sein. Aber doch wohl Binsenwahrheiten, die - wie der Zustand der zerstrittenen libertären Bewegung nur zu eindringlich vor Augen führt - dringend wieder in das Bewußtsein der Libertären aller Couleur zurückgerufen werden müssen. Der Blick der Anarchisten muß über alle weltanschaulichen und konzeptionellen Unterschiede hinweg, deren Nivellierung ja in niemandes Sinn sein kann und darf, auf das eine Ziel gerichtet sein: die Überwindung des bestehenden Zustandes, der den Einzelnen alternativlos in eine fremdgegebene und -bestimmte Ordnung zwingt. Und der einzige Weg, es zu erreichen, lautet nicht: den Wald vor lauter Bäumen, das Ziel vor lauter ideo- und methodologischen Brettern vor den Köpfen nicht mehr zu sehen - er lautet in der "Kampfesphase": Solidarität in der Vielfalt; und danach: Vielfalt in Freiheit und Eigenheit. Lassen wir noch einmal Voltairine de Cleyre sprechen: "Ihr fragt nach einer Methode? Fragt ihr den Frühling nach seiner Methode? Was ist notwendiger, Sonnenschein oder Regen? Sie schliessen einander aus - richtig; sie vernichten einander - richtig, doch aus dieser Vernichtung wachsen die Blumen. Jeder wähle die Methode, die seine Eigenheit am besten ausdrückt und niemand verurteile einen anderen, weil er sein Selbst auf andere Weise ausdrückt." Summa summarum: Voltairine de Cleyre bietet auf gut 15 Seiten eine in sich stimmige, komprimierte Analyse dessen, was "Anarchismus" ausmacht: seine verschiedenen Strömungen - und das, was sie alle verbindet. Wäre es nicht ein Widerspruch in sich, so könnte man versucht sein zu sagen: Das kleine Heft, das obendrein eine gelungene Kurzbiographie de Cleyres aus der Feder des Übersetzers Reinhold Straub sowie eine kurze Würdigung des Tucker nahestehenden amerikanischen Anarchisten Dyer D. Lum durch Voltairine de Cleyre enthält, taugte zu einem "kleinen Katechismus der Anarchie". So aber mag diesem bedenklichen Büchlein "nur" eine recht weite Verbreitung gewünscht werden: in alle Regale, auf alle Schreib- und Nachttische einer und eines jeden, der oder die sich "Anarchist(in)" nennt. Lieber Tucker.. Briefe von John Henry Mackay Besprochen von Lars Broder Keil (Friedrichshagen) Es geschehen noch Zeichen und Wunder, oder anders ausgedrückt, noch wirkliche Überraschungen auf dem Buchmarkt. Dazu gehören ganz sicher die editierten 200 Briefe und Postkarten, die der schottischstämmige Anarchist John Henry Mackay (1884-1933) zwischen 1905 und 1933 an seinen Freund, den amerikanischen Herausgeber der Zeitschrift ‚Liberty", Benjamin R. Tucker (1854 -1939) schrieb und die nun erstmals in deutscher Sprache erschienen sind. Erhalten gebliebene Zeugnisse unter Individualanarchisten sind selten, vor allem von Mackay, der in seinem Testament verfügt hatte., sämtliche private Korrespondenzen zu vernichten So ist wenig an Gedanken und Alltäglichem von Mackay überliefert. Der Briefwechsel, auch wenn er hier nur einseitig vorliegt, schließt ein wenig die Lücken. Mackay und Tucker lernten sich im Sommer 1889 in Europa kennen. Beide verband der deutsche Philosoph Max Stirner. Mackay schrieb eine Biographie und Tucker veröffentlichte 1907 die erste englischsprachige Ausgabe von Stirners Hauptwerk "Der Einzige und sein Eigentum" Außerdem publizierte Tucker die englische Ausgabe von Mackays berühmten "Die Anarchisten". Mackay wiederum gab von Tucker die Streitschrift :‚Staatssozialismus und Anarchismus" heraus, die in einer 10.000er-Auflage in Deutschland vertrieben wurde. Die Schrift ist erfreulicherweise in das Buch aufgenommen worden Ergänzend findet sich im Anhang ein Essay von Uwe Timm über Individualanarchismus und seine beiden Vertreter. Mackays Briefe vor dem ersten Weltkrieg drehen sich häufig um verlegerische Angelegenheiten, Verabredungen zu Treffen, nachdem Tucker nach Frankreich gezogen ist, mitunter Persönliches und den jeweiligen Stand neuer Buchprojekte. Kurz klingt auch der Streit zwischen dem Individualanarchismus, der sozialistische Ideen weitgehend ablehnt und den "revolutionären" Anarchisten um Gustav Landauer an. In den Briefen nach dem Kriege werden vor allem Mackays finanziellen Schwierigkeiten deutlich, da niemand sie kaufen will, ehrgeizige Projekte und er durch falsche Freunde viel verliert. ‚Ich durchlebe hier die übelsten zehn Jahren Niemand hat Geld, zahlt seine Schulden: niemand ein Buch", schreibt er am 22. September. Und am 30. April 1928 heißt es: "Jetzt stehe ich ohne einen Pfenning da und habe das Armenrecht in Anspruch nehmen müssen." Es ist fast nicht nachzuvollziehen, wie Mackay in all den Jahren über die Runden kam, ohne den Mut zu verlieren. Eine Erklärung findet sich Brief vom 22 Februar 1920: "Du weißt ja. was für ein schrecklicher schottischer Dickschädel ich bin, und dass ich eine Sache erst aufgebe, wenn ich ihre absolute Unmöglichkeit eingesehen habe. Sehr offen geht Mackay mit seiner Homosexualität um. Sie ist auch der Grund, warum er sich von seinen Mitstreitern löst. "Ich habe mich entschlossen, mit allen früheren Bekannten zu brechen, die es nicht um meinetwegen der Mühe wert finden, meine Liebe so zu verstehen lernen, wie ich die ihre zu verstehen suche", teilt er Tucker am 11. Mai1908 mit. Am 28 September 1910 beschwert er sich über das "leere Gerede" um seine sexuelle Veranlagung. "Aber ich möchte doch meinen, dass jene, die sich Anarchisten nennen, der persönlichen Freiheit eine größere Achtung zollen sollten, als sie sich in ihrer Art manifestiert, von einem Haus zum anderen herumziehen und über das zu schwatzen, was sie Sexualleben nennen und wovon sie nicht das geringste verstehen! Was man Homosexualität nennt, wird so lange unverstanden bleiben, wie man sich einer freien und unvoreingenommenen Diskussion verschhließt und so tut, als handele es sich um etwas Geheimnisvolles und Verwerfliches, das in Schweigen und Dunkelheit zu hüllen sei". Der letzte Brief datiert vom 24. März 1933, Mackay ist seit längerem krank und Hitler inzwischen an der Macht: "Meln Gesundheitszustand ist sehr schlecht - wie alles hier", schließt der Brief. Knapp zwei Monate später stirbt John Henry Mackay an einem Herzschlag. Uwe Timm "Was ist eigentlich Faschismus" Herausgeber Jochen Knoblauch, Edition Anares Bern 1997, ISBN 3 - 905052 - 63 -6, eine 61 seitige Broschüre mit einem Quellenverzeichnis der verwendeten Literatur. 10,00 DM, erweiterte und ergänzte Ausgabe. Markus Henning, Berlin Hier unternimmt U.T. eine Analyse aus libertärer Sicht. Seine Schwerpunkte sind die wirtschaftlichen und sozialpolitischen Entstehungsbedingungen des Nationalsozialismus in Deutschland, dessen autoritär - etatistische Herrschaftsideologie - und - praxis, sowie die Programmatik der mit Hitler konkurrierenden Parteien. Insbesondere der letztgenannte Themenbereich verdeutlicht die ungebrochene Brisanz von Timms historischen Untersuchungen angesichts eines hierzulande wieder grassierenden Neo- Nazismus. In seinem Kapitel "Die Linke und der Faschismus" stellt Timm Nationalsozialismus und Marxismus - Leninismus gegenüber und arbeitet sehr erhellend die gemeinsamen Wesenszüge dieser konkurrierenden autoritär - kollektivistischen Ideologien heraus. Analytische Erkenntnisse, die so manchen Antifa - Aktivisten zu denken geben sollten und zugleich die libertäre Alternative gegenüber allen totalitären Bestrebungen aller Art in den Vordergrund rücken. Wer nach ernsthafter Erkenntnis strebt - nicht nur in der Rückschau, sondern auch als Grundlage für politisches Handeln in der Gegenwart, dem kann Uwe Timms Broschüre nur empfohlen werden. Themen 1. Faschismus und Nationalsozialismus / Der Nationalsozialismus / Das Profil des Nationalsozialismus / Grundzüge der Weltanschauung / Wirtschaftstheorie und Wirtschaftspraxis des Nationalsozialismus. Historischer Exkurs: "Mit der Armut ins Dritte Reich"- / Worauf beruhten die Erfolge des Nationalsozialismus / Der Weg Deutschlands zu Hitler (1919 -1933) "Machtergreifung und Machtkonsolidierung" / Der "aufhaltsame Aufstieg des A.H." - Eine Wertung. 2. Die Linke und der Faschismus / Streiflichter von der "linken Faschismusfront" / Gemeinsame Wesenszüge der konkurrierenden autoritär - kollektivistischen Ideologien / Exkurs: Die "Bourgeoisie" - der Teufel in der kommunistischen Religion / Begriffsbestimmung / Die "Teufelaustreibung" in Sowjetrussland und die Folgen / Schlussbetrachtung / Verwendete Literatur. Markus Henning. Jahrgang 1963. Soziologe. Lebt und arbeitet in Berlin. Mitarbeit im Libertären Forum Berlin und der "Berliner Gesellschaft zum Studium sozialer Fragen". Schwerpunkte: Neoanarchismus, libertäre Ökonomie/Freiwirtshaft. Veröffentlichungen u.a. "Max Stirners Egoismus" Berndt Schauen: Buchbesprechung zu: Was ist eigentlich Faschismus? Schon der flotte Titel weist darauf hin, dass mit dieser Broschüre von knapp 60 Seiten Umfang nicht die Unzahl von Veröffentlichungen zu diesem Thema um eine weitere vermehrt, schon gar nicht Neues aus der wissenschaftlichen Sicht des Historikers oder Politologen gesagt werden soll. Vielmehr ist es die Absicht des Autors, in gedrängter Kürze eine Übersicht über die Begriffsdiskussion und über die Geschichte des Faschismus und speziell des Nationalsozialismus zu geben. Manche Historiker werden sich an dem flüssigen ‚journalistischen" Stil stoßen. Sollen sie. Ich hab’s genossen. Aus der Fülle der angesprochenen Themen seien nur einige wenige herausgegriffen, die mir besonders wesentlich erscheinen. Timm skizziert in einem "historischen Exkurs" die Geschichte des Nationalsozialismus von den Anfängen 1919 bis zur "Machtergreifung" 1933 und weiter bis zum Ende 1945 und untersucht die Ursachen und Bedingungen, die dahin führten. So kritisiert er zu Recht die weitverbreitete Gepflogenheit. die NS Herrschaft für sich allein zu betrachten, anstatt auch den Weg dorthin zu analysieren Denn entgegen Goldhagens Thesen ("Hitlers willige Vollstrecker") spielte beim Aufstieg der NSDAP bis 1933 der Antisemitismus keine wesentliche Rolle, geschweige denn, dass von KZ-Terror, Krieg und Judenvernichtung auch nur die Rede gewesen wäre, und die in "materielle Not" geratenen Massen interessierten sich wohl kaum für eine"Führerschaft der nordischen Rasse". Vielmehr war es die Bündelung von sozialen und politischen Themen, populistische Versprechungen und Demagogie, die die NS-Erfolge erreichte. Dazu kam ein raffinierter Rückgriff auf "völkische" Ideale, wie die Agrarromantik aus der wilhelminischen Zeit in Verbindung mit jugendbewegter Lagerfeuer-Romantik, oder die Ausnutzung panischer Furcht vor dem Sowjet-Kommunismus und die anti-parlamentarischen und nationalistischen Tendenzen des traditionell apolitischen (und damit meist zum Konservativen tendierenden) Bürgertums: so etwa das Versprechen, das Unrecht des Versailler Vertrages ebenso zu beseitigen wie das parlamentarische Parteiengezänk in der (wenig geliebten) Demokratie. Wenn man sich die populären Themen der zu Ende gehenden Weimarer Demokratie vor Augen führt - die Verunsicherung breiter Bevölkerungsschichten, was ihre "wirtschaftliche Zukunft" betraf- den Ruf nach Sicherheit, Ruhe und Ordnung - die radikale Beseitigung der politischen Immobilität - das heimliche Warten auf den "starken Mann", der zeigt, wo’ s lang geht - wenn man an diese Schlagworte denkt, dann kann man sehr nachdenklich werden Uwe Timm ist es zu verdanken, dass er in dieser Kürze so Grundsätzliches und Wesentliches zum Thema Faschismus und Nationalsozialismus gesagt hat. Man kann der Schrift nur eine weite Verbreitung wünschen. Man sollte sie jedem Schüler in die Hand drücken, jedem Lehrer als Unterrichtsmaterial. Denn das Thema des Faschismus ist keineswegs ein weit in der Vergangenheit liegendes historisches Ereignis. (...) Web-Consulting: WebFelix - Clevere Lösungen für Ihren Erfolg im Internet. Potsdam 2004-2009 |